Mittwoch, 24. August 2016

Macht uns das moderne Berufsleben krank?

Der Umbau der Wirtschaft zur schnelllebigen Dienstleistungsökonomie fordert seinen Tribut. Zuletzt waren Depressionen und andere psychische Erkrankungen schon für 43 Prozent aller Fälle von Berufsunfähigkeit (offiziell: Erwerbsminderungsrente) verantwortlich. 


Gründe für Erwerbsminderung ("Berufsunfähigkeit") im Jahr 2014
Quelle: Deutsche Rentenversicherung

Vor zwei Jahrzehnten lag dieser Anteil in Deutschland erst bei 16 Prozent. Die Zahl der neu bewilligten Renten wegen gesundheitlichen Schwierigkeiten betrug vergangenes Jahr immerhin 174.000. Auf jede fünfte Altersrente kam damit eine Rente wegen Erwerbsminderung. 

Das Durchschnittsalter der vorzeitigen Rentner lag übrigens bei unter 51,6 Jahren


Gründe für Erwerbsminderung ("Berufsunfähigkeit") im Jahr 1993
Quelle: Deutsche Rentenversicherung

Der berüchtigte "kaputte Rücken" hat zuletzt nur noch in 13 Prozent der Fälle das Ausscheiden aus dem Berufsleben erzwungen, verglichen mit 30 Prozent im Jahr 1993.

Das Arbeitsleben wandelt sich in der Tat rapide

Montag, 27. Juni 2016

Pfund fällt auf niedrigsten Stand seit 31 Jahren

Die EU-Austrittserklärung laut Artikel 50 ist noch nicht eingereicht. Doch die Kapitalmärkte nehmen bereits einen immensen Wohlstandsverlust durch den Brexit vorweg: In zwei Handelstagen hat das Britische Pfund zum Dollar mehr als zehn Prozent an Wert verloren.


Quelle: FRED St. Louis Fed

Mit 1,32 Dollar je Pfund notiert der Sterling so niedrig wie zuletzt im Devisenchaosjahr 1985. In der Dekade davor, in den Siebzigern, mussten übrigens noch 2,60 Dollar für ein Pfund bezahlt werden. Vor dem Krieg waren es 4,86 Dollar.

Auch zum Euro geht es abwärts. Mit 1,20 Euro für den Sterling ist die britische Währung so billig wie seit mehr als zwei Jahren nicht.

Nicht dass in der Eurozone alles zum Besten stünde, aber im direkten Vergleich scheint das Vereinigte Königreich mit seinem Budgetdefizit und seiner Abhängigkeit von Kapitalimporten und Investitionen der verletzlichere Wirtschaftsraum zu sein.

Nicht zu vergessen das Thema Staatsverschuldung. Mit Verbindlichkeiten in Höhe von 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gehört Großbritannien zu den am höchsten verschuldeten Nationen in der Alten Welt. Langfristig kann sich England als Dienstleistungsstandort mit dem Finanzzentrum London sicher über Wasser halten.

Aber mittelfristig kommt die Stabilisierung des Pfundes einem Balanceakt gleich. Nach 1971 hatte der Sterling ohnehin ein Tradition als Weichwährung, was just zu der Zeit nicht mehr zu gelten schien, als sich auch der Euro in einer Blase befand, nämlich 2003 bis 2007:

Jetzt kehren wir zum weichen Pfund zurück:


Sonntag, 5. Juni 2016

Die reichsten Menschen der Welt

There are two Europeans among the world's richest people, they are entrepreneurs and had no big inherited fortune when they started.

Die reichsten zehn Menschen der Welt besitzen mehr als eine halbe Billion Euro: 581 Milliarden Dollar! An der Spitze steht Bill Gates, der Gründer von Microsoft mit knapp 86 Milliarden Dollar. Auffällig: Alle Superreichen sind Unternehmer, nicht immer sind sie Erfinder, aber immer geniale Manager.

Keiner der richest of the rich ist nur Erbe, also ohne Beteiligung am Geschäft.


Vermögen in Milliarden Dollar. Quelle: Bloomberg, eigene Recherche

Zwei Europäer finden sich unter den Superreichen, ein Spanier und ein Schwede: Inditex-Großaktionär Amancio Ortega Gaona und IKEA-Eigentümer Ingvar Kamprad.

Der jüngste Krösus ist Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg, der es mit wenig mehr als 30 Jahren in die Top-Ten geschafft hat.

Der reichste Deutsche ist Georg W. Schaeffler, Jahrgang 1964, Gesellschafter der Schaeffler Gruppe und Großaktonär bei Continental, mit einem Vermögen von 20 Milliarden Dollar.

Er findet sich auf Platz 33 der globalen Wealth-Liste, gefolgt von Lidl-Eminenz Dieter Schwarz mit 19,5 Milliarden Dollar

Donnerstag, 28. Januar 2016

Dividendenstars, Dividendensternchen und Dividendensternschnuppen

Die eigentliche Dividendensaison beginnt erst im April, aber die Schätzungen der Firmen-Aalysten erlauben bereits jetzt einen ziemlich guten Überblick, was Aktionäre erwarten dürfen, und das ein gutes Jahr.

Von den 30 Dax-Werten werden voraussichtlich 26 ihre Ausschüttung anheben, zwei werden sie gleich belassen, ein Unternehmen wird sie senken und eines sie ausfallen lassen.

Das schwarze Schaf des Dividendenjahres 2016 ist die Deutsche Bank, die als einzige Dax-Firma ihren Aktionären keine Gewinnbeteiligung zahlt.

Was allerdings nicht weiter verwundert, da es im zurückliegenden Geschäftsjahr keinen Gewinn gab, sondern einen saftigen Verlust von 6,8 Milliarden Euro. Zumindest ist das der momentane Stand.
Vor einer Woche haben die Frankfurter das Minus noch auf 6,7 Milliarden beziffert. Hundert Millionen Euro Fehlbetrag als Peanuts gewissermaßen.

Auch E.on hat einen Verlust gemacht, zahlt aber trotzdem Dividende. Der Versorger schüttet quasi aus einem leeren Füllhorn aus. Man muss sich das so vorstellen, als würden Teile des Füllhorns selbst versilbert. Auf solche Dividenden ist nicht viel zu geben, sie schmälern die Substanz.


Bei den meisten Dax-Werten (18 von 30) sind die Dividenden schneller gestiegen als die Kurse

Nun aber zu den Positivbeispielen: Eine ausgeprägte Dividendendynamik finden wir dieses Jahr bei HeidelbergCement, ThyssenKrupp, Daimler und Vonovia. Auch Continental, Fresenius und K+S warten mit schönen zweistelligen Steigerungsraten auf.

Neben dem Totalausfall Deutsche Bank sticht nur noch RWE negativ heraus: Die Essener werden die Dividende wohl um die Hälfte auf nur noch 0,50 Euro je Aktie senken.

Deutsche Börse und E.on dürften die Ausschüttung gleich belassen. Lufthansa und Commerzbank zahlen nach Ausschüttungspause wieder, die im Fall der zweitgrößten deutschen Geschäftsbank freilich sieben lange Jahre währte.


Quelle: eigene Recherche



Optimistisch stimmt mich, dass die meisten Dax-Werte heute eine höhere Dividendenrendite haben als vor einem Jahr. Das lässt darauf schließen, dass die Kurse den Gewinnen eben nicht davon gelaufen sind. Glück auf, Aktionäre!







Montag, 25. Januar 2016

Das Geld reicht länger als das Öl

Der niedrige Ölpreis treibt alle Petro-Staaten in die Pleite. Bei diesen Notierungen können die schon lange nicht mehr rentabel produzieren. Das liest man derzeit oft. Die Wahrheit ist: Selbst wenn das Fass (159 Liter) am Weltmarkt nur 30 Dollar erbringt, wie es dieser Tage der Fall war, macht die Mehrzahl der Produzenten noch Gewinn.

In den meisten Ölförder-Ländern rangieren die laufenden Kosten der Produktion bei deutlich unter der Marke von 30 Dollar.

Saudi-Arabien schafft es, das schwarze Gold für ein paar Dollar aus der Erde zu holen, und auch im Irak und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die Förderung nicht viel teurer. Diese Staaten am Persischen Gold produzieren also weiter profitabel, auch wenn das Plus nicht mehr so dick ist wie früher.  

Auch Russland ist weit davon entfernt, beim Verkauf des fossilen Brennstoffs Verluste zu machen. In den Weiten des Landes liegen die Grenzkosten bei 18 Dollar. Das gilt freilich nicht für Öl aus der Arktis, dessen Förderkosten bei enormen 120 Dollar liegen. 


Quelle: www.knoema.com


Schwer mitzuhalten wird es auf dem Weltmarkt für das afrikanische Angola, das offshore 40 Dollar aufwenden muss, um den fossilen Brennstoff zu pumpen. 

Die Amerikaner können traditionell gewonnenes Öl für 17 Dollar aus der Erde holen. Klar ist aber auch, dass den US-Frackern das Wasser bis zum Hals steht. Die Hydraulic-Fracturing-Methode ist aufwändig und teuer. Experten sprechen von 70 Dollar. (Allerdings können die unkonventionellen Hersteller teils von Schieferöl auf Schiefergas umstellen, was ihre Lebenserwartung verlängert.)

Schlechte Karten hat Brasilien: Die Südamerikaner produzieren den Barrel auf ihren Bohrinseln für hohe 80 Dollar. 

Teurer ist nur noch kanadisches Öl aus Ölsanden. 

Wir lernen daraus, dass in den kommenden Monaten nicht mit Staatspleiten zu rechnen ist. Für die US-Frackingfirmen allerdings könnte es eng werden. Klar ist aber auch, dass Petro-Staaten wie Saudi-Arabien und Russland ihre bisherigen Haushaltsplanungen makulieren können. 

Denn die Ausgabenpläne etwa für Rüstung und Soziales beruhen noch auf ganz anderen Ölpreis-Prognosen.

Klar ist auch: Sollte Öl noch lange so billig bleibt, lohnen sich für kaum einen der Petro-Staaten noch Neu-Investitionen in die Förderung des schwarzen Goldes. Die Deutsche Bank schätzt, dass die sich erst wieder ab einem Preis von 50 Dollar rechnen.

Wohl dem, dessen Geschäftsmodell und Ideen länger reichen als die Rohstoffreserven


Fracking hat Amerika zum größten Ölproduzenten der Welt gemacht. Doch bei dem Preis lohnt sich die Förderung für die kleinen und mittelgroßen Produzenten nicht mehr
Quelle: Internationale Energieagentur (IEA)








Sonntag, 17. Januar 2016

Russland und China: Schicksal und Entscheidung

Es waren mal zwei kommunistische Supermächte, die eines Tages nicht mehr kommunistisch bleiben wollten, oder konnten. Und schon begannen ihre wirtschaftlichen Schicksale zu divergieren.

Heute könnten die Volkswirtschaften unterschiedlicher kaum sein. Die eine wurde zur ökonomischen Supermacht, die andere zum globalen Rohstofflieferanten.

Die beiden Mächte sind natürlich Russland und China.

Nach dem Fall der Mauer wurden die weltwirtschaftlichen Karten für beide Länder neu gemischt.
Nur wenige prophetisch veranlagte Menschen werden von sich behaupten können, schon 1990 vorhergesagt zu haben, dass sich die Volksrepublik anschicken würde, die Vereinigten Staaten binnen einer Generation als größte Volkswirtschaft der Welt abzulösen.

In Kaufkraft gemessen ist die chinesische Ökonomie seit 2014 größer als die amerikanische, und selbst ohne diese Adjustierung ist das Volumen des chinesischen Bruttoinlandsprodukts mit 2016 schätzungsweise zwölf Billionen Dollar imposant.

Das Gros der Beobachter nahm noch Mitte der Neunzigerjahre an, dass China in der Weltwirtschaft allenfalls als Produktionsstätte für das technologisch weit überlegene Japan eine Rolle spielen würde. Doch Chinas Führung hat, beginnend mit den Sonderwirtschaftszonen, die richtigen Entscheidungen getroffen.


Chinas Wirtschaft ist heute fast zehn Mal so groß wie die Russlands
Quelle: World Economic Outlook


Auch in der Kaufkraft-bereinigten Rechnung fällt Russland zurück
Quelle: IWF


Russland hingegen wurde nach Auflösung der Sowjetunion un Dezember 1991 als ökonomische Supermacht in Wartestellung gehandelt. Das größte Land der Welt hat mit 17,1 Millionen Quadratkilometer mehr Fläche als der Zwergplanet Pluto und gilt als so ressourcenreich wie kein anderer Staat.

Im Jahr 1980 maß die Wirtschaftskraft der UdSSR 1.205 Milliarden Dollar, das war fast dreimal so viel wie das, was Rot-China auf die Waage brachte und nur etwas weniger als die Hälfte der amerikanischen Bruttosozialprodukts! Die Sowjetunion brauchte sich auch technologisch lange nicht zu verstecken, woran uns der 60. Jahrestag des Sputnik-Schock 2017 bald erinnern wird.

Doch so wie es aussieht, hat Russland nach dem Fall des Kommunismus wichtige Weichenstellungen verschlafen. Noch immer stellen Öl und Gas knapp 60 Prozent Exporte, was sich in der jetzigen Phase der Rohstoff-Baisse als hoch problematisch erweist.

Die Volksrepublik hingegen ist vom armen Agrarland zur weltgrößten Exportnation aufgestiegen, mit einer breiten Palette von Ausfuhr-Produkten, nicht zuletzt im Hightech-Bereich. Als nächste Stufe wir China den Aufstieg zu einer Dienstleistungsnation versuchen.

Der Computer, an dem ich dies schreibe, stammt ebenso aus dem Reich der Mitte wie mein iPhone.

Ob sich Russland, die militärische Supermacht, ökonomisch neu erfinden kann? Und einen neuen Sputnik startet? Die Zeit rennt


Auf Schrumpfkurs
Quelle: IWF


Die Zahlen zur Wirtschaftskraft im Jahr 1980 beziehen sich auf das Bruttosozialprodukt. Quelle: Paul Kennedy: Aufstieg und Fall der großen Mächte. Ökonomischer Wandel und militärische Konflikte von 1500-2000. 
Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch. 5. Auflage 2005

Dienstag, 12. Januar 2016

Die Verlierer von heute werden die Verlierer von morgen sein

In der Bibel, bei Matthäus, heißt es: Die Letzten werden die Ersten sein. Doch wenn die Angst der Anleger berechtigt ist, dass der Welthandel 2016 kontrahiert, wird es der Börse genau anders kommen: Die Verlierer von heute werden die Verlierer von morgen sein.

Die Titel, die in den ersten Handelstagen am tiefsten in den roten Bereich rutschten, werden auch Ende des Jahres vor roten Vorzeichen starren. Zur Erinnerung: Der Deutsche Aktienindex Dax hat allein vom 4. bis zum 7. Januar 8,3 Prozent verloren, soviel wie noch nie in der ersten Handelswoche eines Jahres.

Der europäische EuroStoxx50 verlor 7,7 Prozent, nach einem Plus von 8,4 Prozent im gesamten Börsenjahr 2015 (Dividende eingerechnet).



Quelle: Bloomberg

Die größten Minus-Macher im europäischen Leitindex lassen bereits ein Muster erkennen: Ganz oben auf der Verliererliste stehen (frühere) Globalisierungsgewinner, Energiekonzerne, vor allem die kapitalschwachen unter ihnen, sowie Banken.

Beunruhigend: Sechs der größten Verlierer im europäischen Leitindex stammen aus Deutschland, allen voran aus unserer Vorzeige-Branche, der Automobilindustrie. In diesem Sektor stehen und fallen die Gewinnerwartungen mit China, das zum größten Kfz-Markt der Welt geworden ist.
Vergangenes Jahr wurden schätzungsweise 26 Millionen Neuwagen verkauft!

Die französische Großbank Société Générale hat die europäischen Unternehmen aufgelistet, deren Geschäft an der chinesischen Konjunktur hängt: Eine besonders hohe China-Abhängigkeit haben gemessen am Umsatz die Rohstoff-Konzerne Rio Tinto (38 Prozent!) und BHP Billiton (35 Prozent!), die beide an der Londoner Börse notiert sind.

Der deutsche Autohersteller BMW erzielt beachtliche 19 Prozent seiner Erlöse im Reich der Mitte.

Insgesamt stark in Asien engagiert sind das Finanzhaus Standard Chartered (68 Prozent des Geschäfts entfällt auf Fernost), die Luxusgüter-Hersteller Richemont (47 Prozent) und Hermès (46 Prozent) sowie der Motorenbauer Rolls-Royce (44 Prozent).

Allerdings gilt auch: Wenn sich die China-Ängste als überzogen erweisen, locken bei diesen Werten auch die höchsten Erholungseffekte. In der Bibel steht auch: Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählet

Rund sechs Prozent der deutschen Exporte gehen nach China. Die USA, Frankreich, England und sogar die Niederlande sind als Handelspartner wichtiger. Doch die größte Dynamik ging in den vergangenen Jahren klar vom Reich der Mitte aus
Quelle: ING