Dienstag, 24. Oktober 2017

Das andere Krisenland

Großbritannien gilt als eine der erfolgreichsten Volkswirtschaften der globalen Ära. Thatcher und New Labour haben das Land fit gemacht für das 21. Jahrhundert, so scheint es. Heute ist jedermann, der durch die City schlendert, vom Chic und Wohlstand der englischen Hauptstadt angetan. Dennoch gibt es einige Warnsignale, die davon künden, dass das britische Modell vielleicht nicht ganz so stabil ist, wie es noch vor kurzem schien.

Schon ein Blick auf den Aktienindex FTSE100 nährt Zweifel: Während der deutsche Dax nach acht Jahren globaler Börsenrally ebenso wie der amerikanische Dow Jones auf Rekordhoch notiert, sind die Briten weit davon entfernt.




Der britische Leitindex FTSE100 notiert weiter unter seinem historischen Hoch
Quelle: Bloomberg


Man mag einwenden, dass der FTSE100 ein Kurs-Index ist, während in den Dax Dividenden mit einfließen. Doch selbst unter Einberechnung der ausgeschütteten Erträge bleibt der "Footsie" hinter deutschen Standardaktien zurück.

Die Jahresrendite mit dem FTSE100 ist seit 2007 nur halb so hoch wie die des Dax. Ein Teil des Rückstandes geht auf das Konto des Pfund-Verfalls, der bereits vor dem Brexit-Votum eingesetzt hatte. Der Wertschwund der Sterling betrifft freilich nicht nur Investoren im Ausland, deren britische Aktien sich in heimischer Währung verbilligen, sondern auch Arbeitnehmer im Inland. Einfache Angestellte und Arbeiter im Vereinigten Königreich gehören schon seit Jahren zu den Beschäftigten mit der schlechtesten Reallohnentwicklung aller Industrieländer.



Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen

Inflationsbereinigt haben sich die Einkommen auf der Insel seit 2008 überhaupt nicht von der Stelle bewegt. Die unteren Gehaltsklassen mussten sogar Abschläge hinnehmen. Außerhalb der Finanz- und Immobilienbranche scheint es um die Monarchie nicht zum besten zu stehen.

Zum Vergleich: Die Reallöhne in Deutschland sind in den gleichen neun Jahren um fünf Prozent geklettert, nach der Berechnungsmethode von Destatis (die sich allerdings nicht eins zu eins übertragen lässt) sogar um 14 Prozent.

Sammelt Großbritannien mit einer weicheren Währung Kraft für seinen nächsten Boom, der dann vielleicht auf dem Export von Künstlicher Intelligenz (KI) oder Biotech-Medizin basiert? Vielleicht. Einstweilen sieht es eher so aus, als würde das Vereinigte Königreich ins Hintertreffen geraten.

Dann sind da noch die wachsenden sozialen Spannungen, die Unzufriedenheit der Unterschicht, die dem Land zwei sich radikalisierende politische Blöcke beschert haben. Mitten in der Vollbeschäftigung, mitten im Wirtschaftsboom gibt sich die eine Partei zunehmend nationalistisch, die andere klassenkämpferisch.

Einstweilen spielt die Finanzbranche in London die erste Geige. So wäre es unvorstellbar, dass in Deutschland eine Bank den größten Wert im Leitindex stellt. Im Vereinigten Königreich ist es HSBC.
Energiemultis wie BP bekommen perspektivisch Probleme, wenn die Welt auf Elektromobilität umsteigt.

Es fehlt eine konkurrenzfähige Industrie jenseits des Rüstungs- und Sicherheitssektors.


Quelle: IWF WEO

Da passt es ins Bild, dass der alte Freund-Rivale Frankreich nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds gerade in der Wirtschaftskraft pro Kopf wieder an England vorbeigezogen ist, zum ersten Mal seit der Euro-Schuldenkrise

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Hart im Nehmen

Wenn die Akzeptanz der Demokratie von Wohlstand und wirtschaftlichem Vorankommen abhängt, dann sind die Griechen hart im Nehmen. Die vergangenen Jahren waren für den Euro-Staat im Südosten wahrlich kein Zuckerschlecken.

Nirgendwo im Europa der Nachkriegszeit hatte eine Schuldenkrise so verheerende Folgen wie in der Hellenischen Republik. Nimmt man die Börse als Barometer für den Wohlstand der Mittelschicht, haben die Griechen wahre Höllenjahre hinter sich. Der Athener Leitindex steht noch immer 85 Prozent niedriger als 2007.


Quelle: IWF World Economic Outlook Database

Wie schwer die gesamte Bevölkerung von der Rezession betroffen ist, lässt die auch nach Jahren noch historisch hohe Arbeitslosenquote von 21 Prozent erahnen. Der Einbruch des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf um ein Viertel seit 2007 spricht Bände.


Quelle: Bloomberg, Pew Research


Dennoch bekennt sich die übergroße Mehrheit der Hellenen weiter klar zur parlamentarischen Entscheidungsfindung. Laut einer gerade veröffentlichten Umfrage von Pew Research gibt es in kaum einem Land so viele Menschen, die sich selbst als überzeugte Demokraten bezeichnen. Der Anteil der erklärten Anti-Demokraten ist hingegen der zweitniedrigste der Welt (auf einer Ebene mit Schweden).

Ruf nach autoritären Lösungen? Fehlanzeige. Alternativen zur Demokratie stehen in Griechenland nicht hoch im Kurs. Nur in drei Völkern finden eine Militärherrschaft und ein "starker Mann" noch weniger Anhänger, nämlich in Deutschland, Schweden und den Niederlanden.


Quelle: Pew Research/WELT


Nur eines fällt auf: Die Griechen lehnen nicht nur Militärs und Führerfiguren ab, sondern auch andere Autoritäten: Nirgendwo wird Fachleuten so wenig politisches Urteilsvermögen zugetraut wie in Hellas. Vielleicht ein Erbe der verhassten Troika aus ausländischen Finanzexperten? Das krasse Gegenbild dazu ist pikanterweise das widerspenstige EU-Land Ungarn, wo das Zutrauen in Experten-Politiker mehr als doppelt so hoch ist.

Die Griechen sind als Skeptiker bekannt. Wenn ihre Skepsis die Demokratie beflügelt. ist das nicht das Schlechteste.

Allerdings sind sie auch die Erfinder der Demokratie. Vielleicht ist es ihr Erfinderstolz, der die Griechen mehr als andere in schweren Jahren zu demokratischen Idealen stehen lässt


Griechenlands Wirtschaftsleistung im Jahr in Millionen Euro
Quelle: Bloomberg





Samstag, 14. Oktober 2017

Veränderungsstress in Ost und West

In den Tagen nach der Bundestagswahl 2017 machten in nationalen und internationalen Medien Grafiken die Runde, die zeigen sollten, dass die rechte Alternative für Deutschland (AfD) dort ihre besten Ergebnisse erzielt habe, wo der Ausländer-Anteil am niedrigsten ist, ja sogar am niedrigsten in ganz Deutschland. Die Botschaft dieser Charts: Man fürchtet das, was man nicht kennt.



Quelle: Statistisches Bundesamt, AZR, eigene Berechnungen



Die Korrelation niedriger Ausländer-Anteil hohe (mutmaßliche) Furcht vor Ausländern scheint eine klare Sprache zu sprechen. Es gibt nur ein Manko: Die Darstellung ist eine rein statische Betrachtung, die die Veränderungsraten außer Acht lässt.

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind durch nichts zu rechtfertigen. Gleich ob in Ost oder West, Nord oder Süd. Doch wenn Sachsen oder Thüringer sagen, dass sie einen massiven Zustrom von Ausländern in ihre Heimat wahrnehmen, haben sie damit faktisch nicht unrecht. Nirgendwo hat die ausländische Bevölkerung so stark zugenommen wie in den neuen Bundesländern.


Quelle: Statistisches Bundesamt, AZR, eigene Berechnungen

Ein Blick ins Ausländerzentralregister genügt, um zu erkennen: Der potenzielle Veränderungsstress ist im Osten am größten. Verglichen mit 2011 hat sich die Zahl der Nichtdeutschen zwischen Erzgebirge und Ostsee verdoppelt. Um das in Relation zu setzen: Im bunten Berlin ist die ausländische Bevölkerung in der gleichen Zeit nur um ein Drittel gewachsen.

Im Wahlkreis Prenzlauer Berg, wo viele Journalisten leben, dürfte es noch weniger sein (weil teuer). Ebenso im feinen Hamburg, wo die Zahl der Ausländer seit 2011 nur um 27 Prozent zugenommen hat. "Refugees-Welcome"-Kommentatoren verlangen von den Ostdeutschen also oft eine Anpassungsleistung, die in ihrem Umfeld gar nicht erforderlich erscheint.

Allerdings muss auch vor einer anderen falschen Schlussfolgerung gewarnt werden: Stark steigende Ausländerzahlen führen nicht zwangsläufig zu Xenophobie und Rechtspopulismus. Beweis: Das westdeutschen Bundesland mit dem stärksten Zuzug von Nichtdeutschen ist Schleswig-Holstein. Hier im Norden war die AfD aber weit weniger stark als zum Beispiel in Baden-Württemberg.

Auch in Niedersachsen haben die Rechten nicht sonderlich gut abgeschnitten, obwohl das Plus fast 60 Prozent beträgt. Hier wanderten 275.000 Menschen aus dem Ausland zu. Das Doppelte der Einwohnerzahl von Wolfsburg.

Was die absoluten Veränderungen angeht, liegen NRW und Bayern vorne, mit knapp 600.000 und knapp 700.000 Zuwanderern in dem Fünfjahreszeitraum. Auch in diesen Regionen gibt es eine Abwehrhaltung und Ängste, nur nicht so stark wie im Osten.

Vermutlich wäre das Unbehagen der Ostdeutschen über die Fremden geringer, hätten sie bereits in der Vergangenheit positive Erfahrungen mit "Gastarbeitern" machen können, wie die Berliner oder die Bewohner des Ruhrgebiets. Auch dort war man freilich nicht immer so tolerant wie heute.

Wie heißt es: The first cut is the deepest

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Marathonläufer des Dax (und Fußkranke)

Aktien kaufen und schlafen gehen. Und lange schlafen. Das riet einst Börsenaltmeister André Kostolany. Finanzkrisen und Börsencrashs haben seither viele daran zweifeln lassen, dass diese Buy-and-hold-Strategie noch funktioniert.


Quelle: Bloomberg, eigene Recherche

Doch im Deutschen Aktienindex Dax, ebenso wie im Dow-Jones-Index, finden sich einige Werte, bei denen ein Hin- und Herspringen nicht notwendig war, um Traumrenditen zu erzielen.

Zugegeben, die Auswahl ist verzerrt, weil immer wieder Werte aus dem Leitindex herausfallen, die im weiteren Verlauf Kapital zerkrümelt hätten. Doch zeigt sich: Die Konzentration auf einige "Dickschiffe" hätte sich ausgezahlt.

Titel, die schon 1990 Rang und Namen hatten, konnten meist gut zulegen: Inklusive Dividenden brachten BASF-Aktien ihren Haltern einen Wertzuwachs von 5400 Prozent. Bayer-Anteilseigner erzielten eine Gesamtrendite von 3000 Prozent.

BMW, Continental, Henkel, Siemens, Munich Re und sogar Volkswagen schneiden ebenfalls gut ab.

Selbst mit dem viel gescholtene RWE-Papier, das während der Energiewende und Fukushima-Zeit unter die Räder kam, konnten Anleger nach Bloomberg-Angaben 3,7 Prozent Jahresrendite erzielen... passabel angesichts der heutigen Tagesgeld-Zinsen.

Allerdings resultiert das Plus bei RWE allein aus Ausschüttungen. Die Aktie des Versorgers steht im Jahr 2017 rund 13 Prozent niedriger als im Jahr 1990. Dennoch, 3,7 Prozent per annum sind 3,7 Prozent per annum. Was man hat, das hat man.

Die einzige wirkliche Ausnahme von der "Was-Rang-und-Namen-hat-Regel" sind die Banken. Die Kursverluste aus der Finanzkrise 2008/09 und später der Euro-Schuldenkrise mitsamt EZB-Nullzins sind so gravierend, dass auch die üppigen Dividenden vorher nichts an der ernüchternden Bilanz ändern: Aus Anlegersicht sind die großen Geldhäuser Geldvernichter.

Treue Deutsche-Bank-Anteilseigner kommen noch mit einem blauen Auge davon: Ihr Gesamtertrag seit 1990 beträgt ein Prozent im Jahr. Bei der Commerzbank gibt es nichts mehr zu beschönigen: Die apokalyptischen Kursverluste resultieren in einem Gesamt-Minus von 73 Prozent.
Dreiundsiebzig Prozent inklusive Dividende.

Die Banken im Dax waren also totes Geld. Die Lehre daraus: Wenn das Geschäftsmodell erodiert, hilft auch ein traditionsreicher Name nichts

Dienstag, 10. Oktober 2017

Er bewegt sich doch, der Reallohn!


Für Arbeitnehmer gibt es 2017 eine gute und eine schlechte Nachricht: Die gute: Die Löhne und Gehälter werden in Deutschland über alle Einkommensstufen hinweg steigen. Die schlechte: Wer ohnehin wenig verdient, kann mit der geringsten Verbesserung rechnen.

Während sich das Arbeitseinkommen von Gutverdienern 2017 um drei Prozent erhöht, dürfen Normalverdiener auf plus 2,5 Prozent hoffen. Die Beschäftigten mit eher niedrigem Einkommen müssen sich mit zwei Prozent Zuwachs begnügen.

Bei einer erwarteten Jahresinflation von 1,7 Prozent heißt das, dass 2017 alle Einkommensschichten real mehr im Geldbeutel haben als vor einem Jahr. So schön, so gut. Nach Berechnungen der Personalberatung Korn Ferry ist es allerdings das schwächste Plus seit dem Krisenjahr 2011.


Quelle: Korn Ferry Hay

Die Lohnsteigerungen am unteren Ende liegen dieses Jahr kaum über der Teuerungsrate der Lebenshaltung.

Die Differenzierung zwischen oben und unten bestätigt indessen einen langfristigen Trend: In den vergangenen zehn Jahren haben Arbeitnehmer mit niedriger Qualifikation (sogenannte Angelernte) ihre Kaufkraft nur um rund sieben Prozent verbessern können, 19 Prozent Nominallohn-Plus minus zwölf Prozent Inflation. Arbeitnehmer in leitender Stellung schafften dagegen einen satten realen Zugewinn von 17 Prozent (29 Nominallohn abzüglich zwölf Prozent Inflation), wie Daten des Statistischen Bundesamtes zu entnehmen ist.

Wie sieht es aus, wenn man noch weiter zurückblickt? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin kommt zu einem ernüchternden Fazit: Demnach haben die untern 40 Prozent der Einkommensskala seit Anfang der Neunzigerjahre de facto kaum einen Gehaltsanstieg verzeichnen können, während die oberen 60 Prozent deutlich besser dastehen als 1991.

Ein Forscherteam rund um Fatih Guvenen von der University of Minnesota glaubt sogar nachweisen zu können, dass ein männlicher US-Bürger heute nicht mehr damit rechnen darf, im Laufe seines Arbeitslebens inflationsbereinigt so viel zu verdienen wie sein Vater oder sein Großvater.

Die Wissenschaftler schätzen, dass reale Lebenseinkommen eines Berufsanfängers von 2017 fast ein Fünftel (19 Prozent) unter dem eines Berufsanfängers von 1957 liegt. In den Vereinigten Staaten gelte das für alle Einkommensstufen, außer für die oberen fünf Prozent der Gehaltspyramide. Nur diese oberen fünf Prozent dürfen mit einem Kaufkraft-adjustierten Lebenseinkommen rechnen, dass höher ist als das ihrer Eltern.

Die Studie trägt den Titel „Lifetime Incomes in the United States over Six Decades“ (zu Deutsch: Lebenseinkommen in den Vereinigten Staaten über sechs Jahrzehnte“) und ist eine Lektüre wert.

Für Frauen ist das Bild gleichwohl heller. Erstens weil sie bessere Bildungs- und damit Verdienst-Chancen haben als in früheren Generationen. Zweitens weil sie heute tendenziell weniger Teilzeit-Jobs akzeptieren (müssen). Zudem betreffen die jüngeren Strukturkrisen in erster Linie Männerberufe. In Arbeiter-Branchen sind die Löhne besonders unter Druck.

Ändern dürfte sich an den Trends zunächst wenig. Die Kräfte, die die Einkommen auseinander treiben, heißen Technologie und Globalisierung. Die ökonomischen Gesetze dahinter sind unerbittlich

Sonntag, 8. Oktober 2017

Ein besonderes Bundesland

Deutschland ist als Volkswirtschaft alles andere als ein monolithischer Block. Innerhalb von Europas größter Ökonomie vollzieht sich eine deutliche Drift der wirtschaftlichen Macht. Eine besondere Rangveränderung erleben drei Länder: eines im Westen, eines im Süden, eines im Osten.

Als einzelnes Bundesland ist Nordrhein-Westfalen zwar immer noch die Nummer eins, doch von Glanz und Gloria des einstigen Zentrums des Nachkriegs-Wirtschaftswunders ist wenig geblieben.

Auf den erst Blick ist NRW als Ökonomie noch imposant: Die Industrien an Rhein und Ruhr, das stolze Köln und die zahlreichen Mittelständler in Ostwestfalen stehen für 21 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung.

Auf den zweiten Blick ist der Abstieg jedoch unübersehbar. Kein anderes Land hat seit der Wende so sehr an Gewicht verloren wie Nordrhein-Westfalen, nämlich 2,7 Prozentpunkte. In den Dekaden zuvor war das Land an Rhein und Ruhr gelegentlich als "das neue Preußen" tituliert worden, als potenziell dominanter Teilstaat innerhalb der Bundesrepublik. Das war einmal.

Nicht wenige der ärmsten Kommunen finden sich tief im Westen: In Gelsenkirchen oder Duisburg, diesen ehemaligen Industriezentren, ist der Verfall unübersehbar.

Der große Gewinner ist Bayern, der Freistaat bildet praktisch das ökonomische Gegenbild zu NRW. Und noch ein anderer Freistaat hat ökonomisch Auftrieb: Sachsen!

Zwar konnten alle östlichen Bundesländer ihr postsozialistische Depression nach der Wende überwinden und im Vergleich zum Westen aufholen. Kein Land war dabei aber so erfolgreich wie Sachsen. Das Plus von 1,5 Punkten zeugt von Fleiß und Zielstrebigkeit der vier Millionen Bewohner des Freistaats. Aber auch von der Bereitschaft großer Firmen aus dem Westen, in Dresden, Leipzig und Chemnitz zu investieren.


Quelle: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR), eigene Berechnungen


In absoluten Zahlen spielt Sachsen gleichwohl nur in der zweiten Liga. Insgesamt dominieren fünf Bundesländer die deutsche Volkswirtschaft: NRW, Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Niedersachsen. Der Rest bleibt vorerst "der Rest".


Quelle: VGR



Im Jahr 2016 stehen fünf Länder für fast drei Viertel der deutschen Wirtschaft
Quelle: VGR, eigene Berechnungen


Erstaunlich ist der relative Abstieg von Hessen und Niedersachsen im letzten Vierteljahrhundert. Niedersachsen ist immerhin das Land, in dem der weltgrößte Automobilkonzern Volkswagen seinen Sitz hat.

Das lässt darauf schließen, dass das Wachstum der Wolfsburger seit 1991 vor allem im Ausland stattgefunden hat.

Hessen leidet möglicherweise unter dem Schrumpfen der deutschen Großbanken, die Anfang der Neunzigerjahre allerdings auch reichlich aufgebläht waren.

Setzt sich der Trend der vergangenen Jahrzehnte fort, wird Bayern in den Dreißerjahren des 21. Jahrhunderts an dem bevölkerungsreicheren NRW (hervorgegangen im wesentlichen aus der preußischen Rheinprovinz) vorbeiziehen und dann erstmals in der Geschichte der wirtschaftsstärkste deutsche Teilstaat sein. Diese Projektion ist umso brisanter, als das Bindestrichland im Westen den Freistaat heute noch um fünf Millionen Einwohner überragt.

Es wird ein später Triumph der Bayern über die Preußen sein



Freitag, 6. Oktober 2017

Anatomie des Steuerzahlers


In Deutschland zahlen 43 Millionen Menschen Lohn- und Einkommensteuer, das sind etwas über die Hälfte der Einwohner.

Einen Single trifft die Lohn- und Einkommensteuer, wenn er brutto mehr als 11.823 Euro im Jahr verdient, Verheiratete ohne Kinder werden ab 22.381 Euro zur Kasse gebeten. So sagt es die Datensammlung zur Steuerpolitik des Bundesfinanzministeriums.

Beim zu versteuernden Einkommen (das sich vom Bruttoeinkommen unterscheidet), greift der Fiskus ab 8.8821 Euro im Jahr zu. Bei diesem Betrag gilt ein relativ moderater Eingangssteuersatz von 14 Prozent. Allerdings steigt die Belastung relativ schnell an.
Schon ab 54.058 Euro im Jahr finden sich Erwerbstätige im Höchststeuersatz von 42 Prozent wieder.

Der Spitzensteuersatz von 42 Prozent schlägt ab 54.000 Euro zu. Von jedem zusätzlich verdienten Euro nimmt sich der Staat also fast die Hälfte.
Viele Mittelschichtfamilien finden sich im Höchststeuersatz wieder. Nach Berechnungen des IW Köln betrifft das mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland.

Ein durchschnittlicher Freiberufler verdiente 2012 (das sind die aktuellsten vorliegenden Daten des Statistischen Bundesamtes) 35.474 Euro im Jahr. Der "Freiberufler" existiert allerdings nicht: Wer einem künstlerischen Metier nachgeht - zum Beispiel als Zeichnerin - nahm im Schnitt nur 13.862 Euro ein, ein Heilpraktiker sogar nur 13.681 Euro.

Am anderen Ende der Skala stehen Ärzte und Juristen. Ein Notar bringt es dem Statistischen Bundesamt zufolge auf durchschnittlich 201.775 Euro. Damit sind Notare sind die Freiberufler mit dem besten Einkommen, gefolgt von Zahnärzten (142.213 Euro) und Patentanwälten (127.496 Euro)