Dienstag, 28. März 2017

Die schlechteste Währung der Welt

Die Währung ist der Spiegel einer Volkswirtschaft. Aber sie ist auch der Spiegel einer politischen Kultur oder zumindest Drift, die in einem Land vorherrscht. Das kann man gut an den Devisen-Gewinnern und -Verlierern der vergangenen Jahre ablesen.



Dollar in Türkischer Lira, invertierte Skala
Quelle: Bloomberg

Unter den Nationen mit den schlechtesten Währungen der Welt finden sich Volkswirtschaften mit strukturellen Problemen, aber auch schlecht regierte Staaten. Meistens ist es eine Kombination von beidem.

Jede Skala sprengt die Entwicklung des Argentinischen Peso. Wegen der grassierenden Inflation und dem zwischenzeitlichen Regierungschaos unter der Kirchner-Clan ist der Wert des Peso in Euro binnen fünf Jahren auf ein Drittel zusammengeschmolzen.


Quelle: Bloomberg, eigene Recherche


Gleich hinter dem Argentinische Peso folgt auf der Liste der Hässlichen die Türkische Lira. Zum Euro ist die Außenwert der Erdogan-Währung seit 2012 um fast 40 Prozent abgesackt. In diesem Maß hat sich auch die internationale Kaufkraft der Türken verringert.

Auch sonst scheint das Wachstum nicht mehr bei den einfachen Menschen anzukommen. Die letzten Jahre waren für die Türken verlorene Jahre.

Ähnlich schlecht hat unter den großen Wirtschaftsräumen nur der Russische Rubel abgeschnitten

Mittwoch, 22. März 2017

Mehr als eine Momentaufnahme

Sieht man von Volkswagen mit seiner ungewissen Zukunft ab, hat dieses Jahr kein Unternehmen die Dividende so stark angehoben wie Adidas. Der Sportartikler aus Herzogenaurach packt gleich 0,40 Euro drauf und erhöht die Ausschüttung 2017 um 25 Prozent.

Doch solche Anhebungen von einem Jahr aufs nächste sind Momentaufnahmen. Viel interessanter ist zu sehen, welche Firmen über einen langen Zeitraum die beste Dividendendynamik haben.

Man sollte sich zum Beispiel die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre anschauen: 2007 war das letzte Jahr vor der Finanzkrise. Ein Unternehmen, dessen Ausschüttung heute viel höher liegt als damals, muss ziemlich robust sein. Das gilt umso mehr, wenn es die Dividende in diesem langen Zeitraum kein einziges mal senken musste.


Aktien mit der höchsten Ausschüttungsdynamik in Prozent
Dunkelblau: Dax-Firmen ohne eine einzige Senkung der Gewinnbeteiligung seit 2007
Quelle: Eigene Recherche

Auch auf Zehnjahressicht liegt Adidas vorn, übertroffen nur von den Bayerischen Motoren Werken BMW, die es auf eine Steigerung von 400 Prozent brachten. Gab es auf die BMW-Stämme 2007 noch 0,70 Euro Dividende, so werden es dieses Jahr 3,50 Euro sein.

Allerdings hat die BMW-Dividendenstory einen Schönheitsfehler. In den Krisenjahren 2008 und 2009 gab es mit 0,30 Euro nur Mager-Kost als Ausschüttung. Ähnliches gilt für Adidas (Zehn-Jahres-Steigerung 376 Prozent): Im Jahr 2010 musste die Dividende gekappt werden, auf 0,35 Euro.

Mit Fresenius, Henkel, SAP, Bayer, Siemens und Linde folgen jedoch sechs Dax-Konzerne, die ihre Ausschüttung seit 2007 verdoppeln konnten und zusätzlich nie einen Ausfall oder eine Senkung verkünden mussten.

Das bedeutet zehn Jahre laufende Erträge mit Steigerung, in einer Zeit, in der die Zinsen immer weiter abgeschmiert sind. Solche Titel sollte man Hurra-Aktien nennen


Montag, 20. März 2017

The Great Reaction

Jede soziale Revolution bringt eine Gegenbewegung hervor. In den USA heißt die Gegenbewegung Donald J. Trump: Laut, polternd und frei von jeder Rücksicht auf ehene Prinzipien amerikanischer Nachkriegspolitik.

Doch es sind wütende Kräfte, die Trump an die Macht gespült haben. Wut im Bauch haben vor allem die amerikanischen Industriearbeiter, die gegen ihre Marginalisierung aufbegehren.

Von der Deindustrialisierung der USA ist zwar schon länger die Rede, doch der wahre Absturz kam erst nach der Jahrtausendwende. Seit dem Jahr 2000 sind im Verarbeitenden Gewerbe netto rund fünf Millionen Stellen gestrichen worden, in einer Zeit, in der die Zahl der Erwerbstätigen in Amerika um insgesamt 15 Millionen stieg!

Wo sind all diese Arbeiter der Faust geblieben? Bestimmt sind sie in der relativ kurzen Zeit nicht alle in Rente gegangen. Trump verleiht der Frustration und dem Groll der (häufig weißen) worker und ihrer Familien eine Stimme, was ziemlich grotesk wirkt, wenn man bedenkt, dass der New Yorker Immobilientycoon ein typisches Kind der Ostküsten-Oberschicht ist.



Quelle: St. Louis Fed, eigene Berechnungen

Aber kann Trump den Trend umkehren? Schon unter Obama hat eine Stabilisierung eingesetzt. Der Anteil der Industriearabeiter an der arbeitenden Bevölkerung ist nicht weiter zurückgegangen. Seit der Finanzkrise verharrt die Quote bei ungefähr 8,5 Prozent.



Quelle: St. Louis Fed

Andererseits hat die Zunahme der Industriejobs die gesellschaftliche Erosion der Arbeiterschicht in den zehn Jahren zuvor nur zum geringen Teil ausgleichen können.

Um Millionen neuer Jobs in Kohlegruben und Stahlwerken zu schaffen, müssten die USA ihr ganzes Geschäftsmodell umstellen, das in den letzten Jahrzehnten auf hochwertige Dienstleistungen und Lifestyle ausgerichtet war, nicht auf den Export von Autos oder Maschinen.

(Obwohl der Fairness halber gesagt werden muss, dass die USA führend bei Flugzeugen, Turbinen und Militärtechnik sind.)

Aber es gibt noch ein größeres Problem. China und andere Schwellenländer können viele Industrie-Tätigkeiten genauso gut und günstiger. Das hat vor allem die Löhne ungelernter Arbeiter unter Druck gebracht.

Materiell stehen Arbeiter mit Job (!) heute 15 Prozent schlechter da als 2008.


Quelle: Korn Ferry

Um diesen Trend umzukehren, müsste Trump nicht nur die US-Wirtschaft umkrempeln, sondern sich auch mit wichtigen Handelspartnern anlegen und die internationale Arbeitsteilung in Frage stellen. Die daraus resultierenden internationalen Spannungen würden mehr Wohlstand vernichten, als Trump durch noch so brachiale Methoden über die Grenze ziehen kann.

Womöglich ist das dem Regenten im Weißen Haus aber egal



Samstag, 18. März 2017

Kein strahlender Held

Erdogan ist der Mann, der die Türkei wirtschaftlich stark gemacht hat. So sehen ihn viele Türken, und auch in Deutschland gab es so manchen, der hoffte, die AKP würde sich als eine Art "islamische CSU" herausstellen.

Für die ersten Jahre seiner Amtszeit mag das Bild vom wirtschaftsfreundlichen Recep Tayyip Erdogan zutreffen. Doch in letzter Zeit lässt sich das nicht mehr behaupten.

Vor allem die Einkommensentwicklung der Türken lässt stark zu wünschen übrig. Seit der Finanzkrise haben sich die Gehälter preisbereinigt nirgendwo so schlecht entwickelt wie in Reich des AKP-Politikers.

Real verdient ein türkischer Beschäftigter heute ein Drittel weniger als 2008. Besonders hart trifft es die ungelernten Arbeiter und einfachen Angestellten. Sie müssen sich mit einem um 40 Prozent niedrigeren Lebensstandard begnügen.


Quelle: Korn Ferry, eigene Recherche


Das Jahr von Erdogans Verfassungsreferendum hat ökonomisch alles andere als gut begonnen. Mit zehn Prozent Inflation ist die Geldentwertung in der Türkei höher als in jeder anderen großen Volkswirtschaft. Da bieten die Lohnsteigerungen nur mageren Ausgleich.

Offiziell wird das Wirtschaftswachstum zwar mit passablen drei Prozent ausgewiesen, aber eine Arbeitslosenquote von 13 Prozent deutet darauf hin, dass sich die Situation der Bevölkerung auf absehbare Zeit nicht nennenswert bessern wird.

Ob das für 2017 veranschlagte BIP-Plus von 2,8 Prozent noch zu erreichen ist, scheint nach dem Einbruch der Frühbucher-Zahlen fraglich. Und auch der Einbruch der LKW-Verkäufe deutet auf eine schwächere Konjunktur.

Da geht es den Türken in Deutschland besser, obwohl sie als Bevölkerungsgruppe mit relativ hoher Arbeitslosigkeit und schlechter Integrationsleistung zu kämpfen haben.

Die Mittelschicht ist am Bosporus ebenfalls in der Defensive. Wie die Börsenentwicklung zeigt, hat die Fähigkeit des Systems gelitten, aus dem Wirtschaftswachstum Gewinn zu ziehen. In Türkischer Lira mag sich der Leitindex ISE-100 der hundert größten Aktiengesellschaften noch ganz gut schlagen, doch in hartem Geld gemessen erleiden Aktionäre seit 2008 Verluste:


In Lira hat der ISE-100 in den letzten acht Jahren 88 Prozent zugelegt, auf Euro-Basis fällt ein Verlust von zwölf Prozent an Quelle: Bloomberg
Grüne Vorzeichen gibt es nur in der heimischen Weichwährung. Die Dollar- und Euro-Bilanz der Börse Istanbul dagegen zeigt: Auch für das wohlhabende türkische Bürgertum sind die goldenen Zeiten vorbei.

Da wirken die starken Töne aus Ankara fast schon wie ein Aufbäumen gegen den Abstieg. Oder wie die Suche nach Schuldigen im In- und Ausland


Mittwoch, 15. März 2017

Das bisschen Haushalt

Deutschland gilt als liberales und gesellschaftlich fortschrittliches Land. Aber in einer Hinsicht ist Europas größte Volkswirtschaft ein ziemlich konservativer Flecken. Keine andere Ökonomie in Westeuropa hängt so sehr am Bild vom Mann als "Ernährer" und "Versorger der Familie" wie die Bundesrepublik.

Das zeigen Daten der OECD. Der Organisation zufolge beträgt der Anteil des Mannes am Haushaltseinkommen von Paaren in Deutschland beachtliche 77,4 Prozent. Das ist der höchste Wert aller Industrienationen.

Wie sehr sich die Bundesrepublik damit vom west- und nordeuropäischen Standard unterscheidet, zeigt dieser Vergleich: In unserem Nachbarland Frankreich beträgt "sein" Anteil am gemeinsamen Einkommen 62,8 Prozent, in Schweden sind es nur 62,1 Prozent.


Quelle: OECD

Am niedrigsten ist der männliche Beitrag mit 57,9 Prozent in Dänemark. Hier scheint die Gleichberechtigung am Arbeitsplatz am weitesten fortgeschritten. In Österreich und der Schweiz bringt der "Versorger" ebenfalls viel ins Haushaltseinkommen ein, doch in beiden Staaten ist es mit drei Viertel (75,2 Prozent) weniger als in Deutschland.

Für die Dominanz des "Ernährers" alter Schule gibt es zwei mögliche Erklärungen: Zum einen wirkt sich der generelle Lohn- und Gehaltsabstand (Gender Pay Gap) zwischen den Geschlechtern aus.
Je nach Messung verdienen Männer in der Bundesrepublik 20 bis 37 Prozent mehr als Frauen.
Nach internationalen Maßstäben ist das ein erhebliche Lücke.

Dahinter verbirgt sich die eigentliche Ursache: Traditionelle Industriearbeitsplätze spielen in Deutschland eine größere Rolle als in anderen westlichen Volkswirtschaften.


Quelle: Statistisches Bundesamt, St. Louis Fed (FRED), eigene Berechnungen

Mehr als 17 Prozent der Erwerbstätigen hierzulande verdienen ihr Geld im Verarbeitenden Gewerbe. In den USA ist die Quote mit 8,5 Prozent weniger als halb so hoch. Wie auch diese Daten bestätigen: Im Dax stehen die Automobil-Werte BMW, Continental, Daimler und Volkswagen für 43 Prozent aller Erlöse und für fast ein Drittel aller Nettogewinne.

Der Auto-Anteil im amerikanischen Leitindex Dow Jones Industrial liegt trotz des Namens bei... null.

Industriearbeitsplätze sind im Hochlohnland Deutschland aber meistens relativ gut bezahlt - nicht zuletzt eine Folge unseres Systems der dualen Berufsausbildung - und sie sind zugleich eine Männer-Domäne. Die weniger lukrativen Dienstleistungsjobs sind dagegen oft dem weiblichen Geschlecht vorbehalten.

Die Diskrepanz, wie viel Frauen und Männer zum Haushaltseinkommen beitragen, erklärt sich also zum Teil aus der Struktur der Volkswirtschaften. Und dann ist da noch das deutsche Steuersystem mit seinem Ehegattensplitting, das die Erwerbstätigkeit von Ehefrauen zu entmutigt

Sonntag, 5. März 2017

Finanzielle Hegemonie

Donald Trump betont oft und gern, als amerikanischer Präsident sei er nur amerikanischen Interessen verpflichtet und sonst nichts. In den Ohren von Nicht-Amerikaner kann das durchaus beunruhigend klingen. Denn die Vereinigten Staaten sind auf finanziellem Gebiet so dominant, dass man sie mit Fug und Recht als Hegemon bezeichnen kann.

Diese Hegemonie ruht auf fünf Säulen:

1. Der Dollar ist die Weltwährung

Zentrales Element ist der Greenback und die weltweit einmalige Infrastruktur, die mit ihm einhergeht. Amerikas Währung ist die mit Abstand wichtigste Währung der Welt. Fast zwei Drittel (63 Prozent) alle Devisenreserven lauten auf Dollar-Papiere. Auf die Nummer zwei, den Euro, entfällt nur ein Fünftel... mit zuletzt sinkender Tendenz. Die restlichen Währungen sind nur Statisten.

Dieser Sonderstatus des Dollar erlaubt es Amerika, der ganzen Welt seine Regulierung überzustülpen. Nach dem Motto: Wer den Dollar nutzt, unterliegt unserer Rechtssprechung, und nutzen müssen den Dollar mehr oder weniger alle, inklusive "Schurkenstaaten", die sich offen gegen die USA stellen.


Anteil an weltweiten Devisenreserven in Prozent
Quelle: IWF (Stand: 3. Quartal 2016)

2. Die USA dominieren die Bondmärkte

Internationale Organisationen und Unternehmen, die Geld deponieren wollen, kommen an US-Bonds nicht vorbei. Die handelbaren Staatsanleihen Amerikas vereinen schon jetzt doppelt so viel Volumen auf sich wie die des zweitgrößten Bondmarkts, Japan. Da japanische Titel allerdings vor allem von Inländern gehalten werden, ist die Abhängigkeit von den USA in Wirklichkeit noch größer, als es scheint.

Der europäische Staatsanleihenmarkt ist dagegen fragmentiert und spielt verglichen mit Amerika in der Zweiten Liga.


Quelle: Bloomberg
3. Amerikas Aktienmarkt ist ein Koloss

Betrachtet man nicht nur den reinen Börsenwert, sondern den Anteil der tatsächlich investierbaren Aktien, die sich nicht in den Händen der Regierung oder Konglomeraten befinden, vereinigen die USA 53 Prozent der globalen Marktkapitalisierung auf sich. Die Vereinigten Staaten liegen meilenweit vor allen anderen kapitalistischen Nationen.

Der zweitwichtigste Aktienmarkt der Welt ist der japanische mit einem Aktienmarkt-Anteil von 8,4 Prozent, gefolgt von dem britischen mit 6,2 Prozent. Die deutsche Börse bringt nach dieser Berechnung nur 3,1 Prozent der globalen market cap auf die Waagschale.


Quelle: Credit Suisse

Vor hundert Jahren sah das noch ganz anders aus: Im Jahr 1900 waren die vier großen kapitalistischen Volkswirtschaften Großbritannien, USA, Deutschland und Frankreich fast gleichrangig, wobei der Vorrang der London Stock Exchange nicht zu bestreiten ist.



Quelle: Credit Suisse


4. Alles überragende Wall Street 

Geldhäuser wie Wells Fargo (gegründet 1852), HSBC (gegründet 1865), Société Générale (gegründet 1864) oder Deutsche Bank (gegründet 1870) haben eine ähnlich große Tradition. Doch nur die Angelsachsen können heute noch als global player gelten.

Allen voran die Wall Street: Amerikas größte Bank JP Morgen ist heute zwölfmal so groß wie der deutsche Branchenprimus. Die Deutsche Bank ist an der Börse nur rund 28 Milliarden Dollar wert, das Wall-Street-Haus 334 Milliarden Dollar.


Die größten zehn Unternehmen sind allesamt amerikanisch. Die Nummer neun der Weltrangliste ist zugleich die führende Bank der Welt: JP Morgan. Deutschlands Top-Konzern SAP erscheint erst auf Rang 57, die Deutsche Bank auf Rang 456!
Quelle: Bloomberg

Die Verzwergung der europäischen Banken schränkt die Möglichkeit Europas ein, schnell Kapital zu mobilisieren, und das wiederum erschwert den Aufbau innovativer Unternehmen.

5. Die großen Fonds sitzen in New York

Die Aufzählung wäre nicht vollzählig ohne die großen Fonds. Rund vier Fünftel des ETF-Handels findet in den USA statt. Mit 2,7 Billionen Dollar Marktwert vereinigen die amerikanischen Vehikel zwei Drittel des globalen Indexfonds-Volumens auf sich. Zudem haben die großen Kapitalsammelstellen fast alle ihren Sitz in der Finanzmetropole New York.

Das führt zur paradoxen Situation, dass BlackRock in New York der größte Aktionär vieler Dax-Unternehmen ist. Wäre der Dax eine Aktie, hätten die New Yorker die meisten Stimmrechte.

Die Vereinigten Staaten sind keine Nation wie andere. Ob es uns gefällt oder nicht: Amerika ist der Hegemon des modernen Kapitalismus. Deshalb können wir nur hoffen, dass das Staatsoberhaupt dieses Hegemons nicht Politik macht wie der Regent irgendeines Kleinstaats

Samstag, 4. März 2017

Schlecht integiert

Die 1,5 Millionen in Deutschland lebenden Türken gehören zu den am wenigsten integrierten Bevölkerungsgruppen. Trotz einer fast 60-jährigen Tradition türkischer Einwanderung ist die soziale Situation ernüchternd. 

Gut ein Fünftel aller türkischen Staatsbürger in der Bundesrepublik lebt von Sozialhilfe (Hartz IV), die Arbeitslosigkeit ist mit 16,4 Prozent so hoch wie bei keiner anderen Einwander-Nationalität aus der "Gastarbeiter"-Ära. Das statistische Armutsrisiko dürfte bei rund 25 Prozent liegen, in dem Bereich verortet das IW Köln die Kaufkraftarmut von Menschen mit Migrationshintergrund. 

Dass Migranten-Arbeitslosigkeit kein unentrinnbares Schicksal ist, zeigen die Arbeitslosenquote von Ost- und Südeuropäern. Ungarn in der Bundesrepublik sind statistisch weniger oft auf Stellensuche als Deutsche, und auch bei Griechen, Portugiesen und Spaniern liegen die Arbeitslosenzahlen nur wenig über denen deutscher Staatsbürger. 




Quelle: Bundesagentur für Arbeit (Stand März 2017)

Umgekehrt lässt die Beschäftigungssituation sehr zu wünschen übrig. Zwar haben viele Türken ein kleines Gewerbe und liefern damit einen wichtigen Beitrag zur Infrastruktur der Städte, doch die Integration durch Arbeit in Firmen und Institutionen ist gering ausgeprägt.

Die Quote der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Türken liegt mit 52 Prozent deutlich unter der von Deutschen (67 Prozent) und auch Südeuropäern (57 Prozent). Die Integrationsprobleme der Türken beginnen aber bereits in der Schule. Das Statistische Bundesamt stellt dazu fest:
"Der Bildungserfolg der Menschen mit Migrationshintergrund und ihre Integration in den Arbeitsmarkt variieren teilweise sehr deutlich je nach Herkunftsland. So hatten zum Beispiel 88% der 25 bis 35 Jahre alten Personen mit chinesischen Wurzeln Abitur, aber nur 16% der Personen mit türkischen Wurzeln."
Der Zuzug der Türken - der größten ausländischen Bevölkerung in der Bundesrepublik - ist in vieler Hinsicht ein Beispiel dafür, wie Migration nicht laufen sollte, und wie Integration scheitern kann