Mittwoch, 10. Juni 2015

Carbon - Größte Bubble aller Zeiten?

Einundzwanzig Billionen Dollar. Eine provozierend hohe Zahl, eine absurd hohe Zahl. Glaubt man den Verfechtern der Theorie der "Carbon Bubble" sind Vermögenswerte in dieser Größenordnung bald Schall und Rauch. Wobei Rauch in dem Fall nicht allein metaphorisch zu verstehen ist.

Müssten die 21 Billionen Dollar (nach jetzigem Wechselkurs circa 19 Billionen Euro) abgeschrieben werden, wäre es eine der größten Wertvernichtungen der Wirtschaftsgeschichte. Angesichts dieser Dimensionen müssen die Warnungen vor einem Platzen der Kohlenstoffblase doppelt kritisch geprüft werden.

Carbon Bubble besagt in einfachen Worten: So wie wir jetzt wirtschaften, auf Basis von Öl, Gas und Kohle können wir nicht weiter machen. Der Punkt des Umdenkens muss nicht erst dann eintreten, wenn das Wasser in Hamburg bis zum Michel steht. Stichwort schmelzendes Südpol-Eis.

Die Kohlenstoffindustrie könnte auch dadurch in eine Strukturkrise geraten (und langsam absterben), dass sich das politisch-wirtschaftliche Umfeld für sie verdunkelt und sich die Kosten/Nutzen-Rechnung zugunsten von Solar und Windkraft verschiebt.

Wenn die öffentliche Meinung kippt, könnten die Erneuerbaren Energien (noch mehr) Subventionen erhalten, während fossile Brennstoffe mit höheren Abgaben belastet werden. Es könnte aber auch ein technologischer Schub sein, der den Wirkungsgrad der regenerativen auf eine Weise erhöht, wie wir es uns bisher nur schwer vorstellen können.

Investoren reden bereits von einem "Phasenübergang". In den Naturwissenschaften bezeichnet dieses Wort die Veränderung der physischen Eigenschaften eines Stoffs, zum Beispiel wenn ein Element schlagartig von einem Aggregatzustand zum anderen wechselt. Beispiel H2O: Flüssiges Wasser hat völlig andere Eigenschaften als Eis. Bis zu Gefrierpunkt wird Wasser einfach nur kälter, dann plötzlich verändert sich die Konsistenz und es wird ein Festkörper.

In der globalen Ökonomie könnte es das unerwartet schnelle Umschlagen von Carbon-getrieben auf Regenerativ sein.

Selbst ohne den Phasenübergang von der Kohlenstoffwirtschaft zur Solar- und Windwirtschaft wirft die Geschäftsentwicklung der großen Energiekonzerne manche Frage auf. Die Aktie von RWE bildet zusammen mit der Commerzbank seit Jahren das Schlusslicht im Dax. Nun könnte man denken, die deutschen Versorger seien ein Sonderfall.

Aber auch beim amerikanischen Ölmulti ExxonMobil, der Galionsfigur der Kohlenstoff-Wirtschaft, erodiert das Betriebsergebnis seit Jahren, wie diese Übersicht zeigt:


Quelle: Google Finance, eigene Recherche

ExxonMobil notiert an der Börse ein Fünftel unter seinem 52-Wochenhoch, mehr als jeder andere große US-Konzern. Der chinesische Wettbewerber PetroChina hat vom Hoch 23 Prozent verloren, inmitten boomender Börsen, bei BP sind es 25 Prozent und beim französischen Branchenprimus Total sogar 34 Prozent. Die meisten Beobachter erklären den Kursverfall mit dem zyklisch schwachen Ölpreis.

Doch wer mag, kann in der Entwertung der Energieriesen einen Vorgeschmack auf das sehen, was noch kommt. PetroChina hat in den vergangenen Monaten bereits mehr als 100 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung eingebüßt.

Da kann man sich leicht hochrechnen, was passiert, wenn die Nachfrage nach fossilen Energieträgern nicht nur konjunkturbedingt sinkt, sondern Reserven für Jahrzehnte abgeschrieben werden müssen.

So kommt auch die unglaubliche Zahl von 21 Billionen Dollar zustande. Sie beruht auf der Annahme, dass vier Fünftel der jetzt bekannten Vorkommen (und damit Firmenwerte) wohl nie genutzt werden können. Weil sich die Erderwärmung sonst viel zu sehr beschleunigen würde. Außerdem stehen Erneuerbare Energien bereit, die fossilen zu substituieren.

In einer Studie der niederländischen Umweltschutzorganisation Milieudefensie ist mit Blick auf die Reserven von "stranded assets" (gestrandeten Vermögenswerten) die Rede:
For the average fossil carbon energy company 80% of its fossil assets may no longer have any financial value, become “stranded assets” – a carbon bubble of gigantic proportions, with extremely large (multi-trillion US dollar) consequences to the financial world.
So gesehen sind die 21 Billionen nicht unplausibel. Die Kohlenstoffbranche ist einer der größten Sektoren der Weltwirtschaft. In guten wie in schlechten Tagen. Wer immer auf der Suche nach schwarzen Schwänen ist, sollte sich hier umsehen


Kommt jetzt die globale Energiewende? fragt FAZ.net am 10. Juni 2015 


Das Ende des Kohlenstoff-Zeitalters hat begonnen, schreibt WELT ONLINE


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